• Markus Szaszka

Verwirrt, unbeholfen, ulkig

Ich bemühe mich stets, an das Gute im Menschen zu glauben, und deshalb möchte ich meine Generation nicht als stumpf oder dumm bezeichnen, wie es unzählige Schriftsteller vor mir getan haben, obwohl es so einfach wäre.


Verwirrt, unbeholfen, ulkig. Das sind passendere Wörter, die mir für die Menschen dieser Zeit einfallen. Für all die überforderten Einkäufer inmitten hochgeschwindiger Veränderungen.

So rasant, wie sich unsere Gesellschaft wandelt, und so viel, wie wir von diesem Wandel informationstechnisch mitbekommen, ist es wenig verwunderlich, dass viele von uns nicht mehr wissen, wo oben und wo unten ist.


Selbstverständlich ist Veränderung etwas Gutes, besser gesagt etwas Undiskutables, aber ob wir wirklich von jeder Veränderung dieses Erdballs mitbekommen müssen, das ist eine Frage, die wir uns ruhig und in aller Deutlichkeit stellen dürfen.


Hinzukommen die vielen wirren Überzeugungen, die in unserer neuen Wahlheimat, dem Netz, auf uns einprasseln. Und mir scheint, dass es im einundzwanzigsten Jahrhundert zunehmend wenig Platz für die aufgeräumten Gelehrten der Prä-Internet-Epochen gibt.


Zu wenig optimiert sind die alten Wälzer, zu wenig orientieren sie sich an der optimalen Videoclip-Dauer, zu schlecht haben Diogenes, Petrarca und Sartre ihre Keywords recherchiert, sodass es wohl kein Wunder ist, dass keiner mehr auf sie hören mag, sondern lieber auf die Armada an Coaches, die in gut ausgeleuchteten YouTube-Zimmern erklärt, wie die Welt funktioniert.


Und so ist es mittlerweile passiert, dass wir gemeinschaftlich Reichweite mit Kompetenz verwechseln. Gutes Aussehen mit Weisheit. Zielstrebige Unternehmer mit Gelehrten.


Es ist ein gefährliches Spiel der Algorithmen, das uns regelmäßig den Schlaf am Abend und die Konzentration in der Früh raubt.


Das Halbwissen ist siegreicher als das Ganzwissen: Es kennt die Dinge einfacher, als sie sind, und macht daher seine Meinung fasslicher und überzeugender, hat jemand einmal geschrieben. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wer, aber ein Influencer wird es nicht gewesen sein.



#nichtsmussbleibenwieesist

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